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Madauer Bartholomäus

              Madauer_Kelch_N

 

Bartholomäus Madauer ist im Frühjahr 2008 in den Salon der Astronomen eingezogen, nachdem ich über ihn zunächst im Link Sonnenuhren aus Nah und Fern > Bayern >> Niederbayern >>> Aldersbach im Zusammenhang mit den Sonnenuhren des ehemaligen Zisterzienserklosters Aldersbach berichtet habe.

 

   Was geht im Kopf eines Metzgermeisters vor, wenn er seinen Sohn Bartholomäus taufen läßt? Der Bartholomäus Madauer wurde ja nicht als Abt im niederbayerischen Rotthalmünster geboren - und nicht in Münster, wie Zinner und das British Museum schreiben. Er war zunächst einmal ein Metzgersbub.

   Das Ökumenische Heiligenlexikon [ http://www.heiligenlexikon.de/ ] gibt den Bartholomäus als Patron von Altenburg an, von Frankfurt/Main, Pilsen, Maastricht; der Bergleute, Gipser, Bauern, Winzer, Hirten, Lederarbeiter, Gerber, Sattler, Schuhmacher, Schneider, Bäcker, Metzger, Buchbinder sowie der Öl- und Käsehändler (in Florenz); er soll gegen Haut- und Nervenkrankheiten, Zuckungen, Dämonen und Geister... segensreich wirken. Aha! Patron der Metzger! Also wurde der Bub Bartholomäus getauft, im Dorf aber höchstwahrscheinlich Barthl gerufen!

   Kindern, die mit einer wachen Auffassungsgabe gesegnet waren und durch vielfältige Interessen auffielen, haben sich dazumal gleich die Priester angenommen, sie gefördert und auf den möglichen Priesterberuf hingelenkt und vorbereitet.

 

   Schwester Irene Schneider O.Cist. + schrieb in Ihrer Abhandlung "Die Bechersonnenuhr des Abtes Bartholomäus Madauer (1552-1577)": "Madauer wurde (vor 1514) in Rotthalmünster (Diözese Passau) als Sohn eines Metzgers geboren. Seine Rolle im Kloster Aldersbach deutet darauf hin, daß er als Kind in Rotthalmünster mit der zugehörigen Wallfahrtskapelle Kößlarn seine religiöse Unterweisung durch den Pfarrer Wolfgang Marius O. Cist erhalten hat, der 1514 zum 33. Abt seines Klosters Aldersbach gewählt wurde und das Kloster 30 Jahre segensreich führte.

   Abt Marius ließ den begabten Mönch in Heidelberg studieren, Madauer wurde am 11.7. 1552 rechtmäßig zum Abt gewählt, regierte 25 Jahre und wurde 1577 abgesetzt. Durch wirtschaftlichen Niedergang, Pestepedemie und Häresieverdacht wurde im Jahre 1577 ... Andreas Haydecker als 36. Abt eingesetzt.

   Madauer starb am 25. 8. 1579 in Vilshofen, wurde aber in Aldersbach bestattet. Sein Epitaph befindet sich im Kapellenumgang der heutigen Pfarrkirche (Kap.I, links)... Wichtig erscheint der gleiche Studienort Heidelberg von Marius und Madauer. Marius hatte die Pfarre Rotthalmünster von 1504 bis 1514 innegehabt und in dieser Zeit auch die Kirche des Marienwallfahrtsortes Kößlarn neu gebaut. So ist naheliegend, daß Bartholomäus Madauer in der Regierungszeit des Abtes Marius in die Abtei Aldersbach eingetreten und schon bekannt war."

So weit Schwester Irene Schneider O. Cist. + aus dem Kloster Seligenthal.

 

Zeitgenössische Quellen, so schreibt ein Autor, der wie Madauer in Rotthalmünster geboren wurde, sei ein hochgelehrter Herr gewesen, ein Mathematiker und Astronom, ein Instrumentenbauer, gesuchter Fachmann für Uhren aller Art, Dichter, Maler und Schachspieler von höchsten Graden.

 

   Da mir im Augenblick die Originalquellen nicht zugänglich sind und derartige Quellen ohnehin in jedem Fall der sehr kritischen Interpretation bedürfen, will ich die hier ausgebreiteten behaupteten Fakten erst einmal so stehen lassen! Ich will aber gleich einer Behauptung entgegentreten, mit Abt Madauer, so wird das tatsächlich kolportiert, also ursächlich durch ihn sei es zu einem Niedergang des Klosters gekommen, weil er ein schlechter Wirtschafter gewesen sei.

Was für eine verwegene Behauptung! Zum Ende seiner Regierungszeit herrschte die Pest in Aldersbach, die nach derselben Quelle neun von zehn Conventualen hinraffte, sodaß ein einziger übrig blieb, der das Kloster verwaltete, was immer das unter den gegebenen Bedingungen heißen mochte. Daß Madauers "feudaler Lebenswandel" die Finanzen des Klosters untergraben haben soll bringt mich denn doch zum Kichern! Du meine Güte! Wofür mag er wohl das Geld ausgegeben haben? Na ich denke mal zuförderst für seltene und kostbare Bücher. Und daß er sich was Ordentliches auf den Tisch hat stellen lassen? Ich hoffe sehr, daß er's getan hat und Tafelmusik dazu? Ja! Die klösterlichen Musiker werden umsonst gespielt haben. Ein bißchen Gold und Silber für seine Sonnenuhrenkelche? Geschenkt! Es gab im Kloster seit alters her auch einmal eine Goldschmiedewerkstatt. Vielleicht hat er die wiederbelebt, denn ohne eine Werkstatt mit sehr geschickten Goldschmiedehandwerkern hätte er solche Sonnenuhrenkelche nicht in Auftrag geben und in einer derartigen Delikatesse anfertigen lassen können. Was mag da schon draufgegangen sein?? Für kostbare Weine? Ach was! Vielleicht ist er zur Jagd gefahren? Das wird er während der Pestzeit sicherlich sein haben lassen. Wenn so ein prächtiges Kloster mit derartigen kulturellen Schätzen in wirtschaftliche Schieflage gerät, wenn die Leute, die gegensteuern könnten, von der Pest hingerafft werden, wird es schwer, wenn nicht gar unmöglich, den Laden zusammenzuhalten.

   Nein, es wird sicherlich ganz anders als behauptet gewesen sein. Es werden schon Andere von außen her ein Auge auf Aldersbach und dessen Pfründe geworfen haben. Madauer war im Wege, er war angreifbar, weil er offenbar gute Kontakte zu den Lutherischen gepflegt hatte. In der Festschrift zum 750-jährigen Klosterjubiläum heißt es dazu im Jahr 1996: "... Von allen Ereignissen aber erschütterte die Lehre Luthers den Erdkreis am meisten und versetzte ihn in Unruhe. Dieser abtrünnige Mann, der jüngst aus einem Mönch zum Gatten einer Nonne geworden war, veröffentlichte 1518 zum ersten Male Thesen, die Beifall fanden, gegen den Primat des Papstes und die Ablässe. Als einige (Theologen) diese widerlegten, wurde er durch die Hitze der Verteidigung noch heftiger und veröffentlichte ganze Bücher über den Glauben und die Werke, über die christliche Freiheit, gegen die Sakramente der Kirche, die Messe und die Mönchsgelübde..." Ja, darum ging es! Man hat Madauer der Häresie bezichtigt und später, nachdem er abgesetzt war, von dem Vorwurf freigesprochen. Ein probates Mittel fürwahr, um einen loszuwerden. Und sein Nachfolger? Eine blasse Figur, Platzhalter für einen andern, der nachfolgen sollte.

   Das Intrigenspiel gehörte immer wesentlich zu so einem großen Klosterkomplex. Einer der dichtet und malt, ein begnadeter Schachspieler ist (!), der mit mathematischen Fähigkeiten brilliert, Sonnenuhren berechnen kann - vielleicht sogar mit der Kelchsonnenuhr das Wunder des Achaz nachinszeniert hat, der sicherlich vielen an intellektueller Brillanz und rhetorischen Fähigkeiten überlegen war, der braucht sich keine "Sorgen" zu machen: Er zieht die Neider und mißgünstigen Leute an, die Eigeninteressen bedroht sehen, und sicherlich hat obendrein auch so mancher Kleingeist die Nase gerümpft, was er denn schon sei, der Metzgerssohn aus Rotthalmünster, vormaliger Günstling von Abt Marius, was ja auch nichts andres heißt als "Meier"!

Nein,

ich will ihn rühmen

und preisen

und ehren,

den großartigen Gnomonisten Bartholomäus Madauer!

 

Was für Dummköpfe, die seine einzigartigen Sonnenuhrarbeiten verscherbelt haben! Zu welchem Preis? Nun, der bayerische Herzog hat seinen prächtigen Madauer-Kelch bald nach Madauers Tod für seine Münchner Kunstkammer geschenkt bekommen. (Siehe Ernst Zinner!) Der nunmehr Londoner Sonnenuhrenkelch war ja nur vergoldetes Messing. So hat man ihn behalten, bis das Kloster aufgelöst wurde und sich viele an den Schätzen bedienten. Man sollte mal in London nachfragen, was sie 1896 dafür bezahlt haben!


Ich habe es in der Zwischenzeit getan und von Frau Dr. Silke Ackermann vom British Museum eine sehr freundliche Antwort erhalten: "The chalice dial by Bartholomäus Madauer was bought in 1896 from the auction house GR Harding. There is no record of the price in the inventory nor are there further details of the acquisition." Das Auktionshaus GR Harding ist zwischenzeitlich, wie ich recherchiert habe, vom Markt verschwunden. So werden wir nie mehr erfahren, was das Musum für die Kelchsonnenuhr von Bartholomäus Madauer ausgegeben hat. 

 

   Ich bin kürzlich auf ein hübsches Detail in dem Buch der Mrs. Alfred Gatty in der revidierten Neuauflage von 1900 gestoßen: THE BOOK OF SUN-DIALS. Lustig, nicht wahr, daß die Frauen um 1900 in England noch unter dem Namen ihres Ehemannes auftraten! Da ich ihren Namen kenne, will ich ihn hier auch nennen: Margaret Scott Gatty [1809-1873]. Sie bildet den Sonnenuhrenkelch von Madauer ausdrücklich ohne den Gnomon-Spieß ab und begründet das schlüssig damit, daß dieser nicht mehr das Original sei. Da der Kelch erst 1896 ins British Museum nach London kam, wäre interessant zu erfahren, wie die Frau Scott Gatty zu dieser Zeichnung kam, zumal die Erstausgabe ihres Buches weit vor diesem Datum liegt und die zweite erweiterte Auflage um 1900 auf den Markt kam.

 

 

                              The Book of Sun_Dials

 

            Seite 190

 

Ernst Zinner schreibt in seinem Buch "Astronomische Geräte" über Bechersonnenuhren:

 

Zinner_M3


Wenn Sie oben bei der Frau Gatty genau gelesen haben, wird Ihnen aufgefallen sein, daß sie - wie übrigens auch in einem weiteren Buch aus England aus dem Jahr 1904 über Sonnenuhren-Motti, von einem Herrn Evans -  1550 als Entstehungsjahr angibt, wiewohl deutlich zu erkennen ist, daß da noch vier Striche nach dem L folgen, also 1554 das richtige Jahr wäre. Woher ich das weiß? Nun, das steht alles in dem wunderschönen Buch von Ernst von Bassermann-Jordan "ALTE UHREN UND IHRE MEISTER", auf das mich Ernst Zinner gebracht hat!

 

                         Alte Uhren

 

   Ich möchte Ihnen gern vorab den Grabstein von Bartholomäus Madauer aus der Abhandlung von Dr. Bassermann-Jordan zeigen. Er schreibt darüber in einer Fußnote auf Seite 75: " 1) Es ist kein stichhaltiger Grund, den Grabstein Madauers nur für einen Gedenkstein anzusehen. Madauer hat bei seinen Lebzeiten den Stein herstellen lassen, und zwar am Anfange seiner Regierungszeit. Darauf weist der Kunststil des Steines und der Text der Inschrift, in der die kanonische Rechtmäßigkeit der Abtswahl besonders betont wird. Ein Raum zum späteren Einsetzen des Todesdatums ist nicht eigens ausgespart."

 

                             Madauer Grabstein

 

         Seite 72

 

       Seite 73

 

     Seite 74

 

Seite 75

 

In der Märzausgabe 2008 des spanischen Sonnenuhrenmagazins Carpe Diem ist von mir ein schöner Artikel über Bartholomäus Madauer unter dem Titel >>[Zum Öffnen bitte anklicken!] 


"Imagine El reloj de Sol de cáliz, del abad Bartholomäus Madauer del Monasterio de Aldersbach en Baja Baviera" erschienen.

Die Spanischfassung stammt von Martha A. Villegas aus Mexiko.


                      




Ernst Zinner
berichtet in seinem Buch "Deutsche und Niederländische Astronomische Geräte", 1956, über Bartholomäus Madauer:

 

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Bei meinen Recherchen für den Artikel "Imagine" für das spanische Sonnenuhrenmagazin "Carpe Diem" wollte ich eigentlich noch herausfinden, welcher Art von Verbindung zwischen dem Nürnberger Georg Hartmann und dem Bartholomäus Madauer bestand. Ich hatte nämlich in meinem Beitrag sozusagen ohne Netz und doppelten Boden vermutet, daß sich die beiden gekannt haben mußten, da Hartmann sehr bedeutsame Arbeiten mit Becher- bzw. Kelchsonnenuhren gemacht hatte. Es sind noch entsprechende Werke in italienischen und spanischen Museen erhalten, sowie Drucke aus seiner Hand und Werkstatt im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg sowie in der Bayerischen Staatsbibliothek in München.

 

Ich wurde bei meinen Nachforschungen sehr liebenswürdig vom Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg, vom Bayerischen Hauptstaatsarchiv in München und vor allem auch von der Bayerischen Staatsbibliothek in München mit guten Vorabinformationen unterstützt. Jedoch wäre dann eine persönliche Recherchearbeit in den beiden Münchner Instituten notwendig gewesen. Die mußte ich aber noch zurückstellen, hoffe allerdings, daß ich das noch nachholen kann.

 

Mitunter ergeben sich aber auch auf verschlungenen Pfaden, quasi en passant, sehr nützliche Informationen. So bekam ich über eine Rete- Mailinglist- Anfrage von Dr. Alistair Kwan die Auskunft, daß Frau Dr. Suzanne Karr Schmidt über Georg Hartmann geforscht hat. Sie stellte mir aus einem Band der Bayerischen Staatsbibliothek drei Abbildungen zur Verfügung, die ich zwar schon kannte, die ich aber nun für meine Hartmann-Webseite hier verwenden kann. In diesem Sammelband der Münchner Staatsbibliothek sind allerlei unterschiedliche Drucke und Zeichnungen u. a. auch von Georg Hartmann versammelt, die noch einer genaueren Untersuchung bedürften. Bei zwei Drucken und einer Handzeichnung ist deutlich erkennbar das Wappen des Abtes Madauer zu erkennen. Es wird noch zu klären sein, ob es sich bei der Zeichnung möglicherweise um eine Konstruktionszeichnung von Madauer handelt, die Hartmann dann zu einem Druck umgewandelt hat oder ob noch ein Dritter mit im Bunde war.

 

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                                           © Suzanne Karr Schmidt

 

Ich wollte seit geraumer Zeit den Bartholomäus Madauer in meinem Salon haben. So habe ich vor Arbeitsbeginn wieder einmal seinen Namen bei der Google-Suchmaschine eingegeben, um zu sehen, ob es neue Einträge gäbe und bin auf den Dissertationstitel von Herrn Dr. Gottfried Eugen Kreuz aus Wien gestoßen. In der kurzen Anzeige stand auch ein Hinweis auf ein Gedicht von Bartholomäus Madauer. Ich habe Herrn Dr. Kreuz gleich angemailt und ihn vorsichtig nach dem Gedicht von Madauer befragt, das in seiner Dissertation  über Gaspar Brusch eher beiläufig vorkommt, sich für mich jedoch als eine echte Trouvaille herausstellte. 

Diese Kontaktaufnahme erwies sich dann für mich schnell als der sprichwörtliche 'Sechser im Lotto'! Durch die Arbeit von Herrn Dr. Kreuz und vor allem durch seine sehr liebenswürdige und sehr umfangreiche Unterstützung meiner Anfrage habe ich nicht nur einen vorzüglichen Beleg für Madauers dichterisches Schaffen bekommen, sondern weitaus mehr!

 

                                                  Bruschius

 

Gottfried Eugen Kreuz

Gaspar Brusch, Iter Anasianum.

Ein Spazierritt durch Oberösterreich 1552,

WS Beiheft 31 (= Arbeiten zur mittel- und neulateinischen Philologie 9), Wien 2008.

 

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                  Erste Hilfslinien für ein Gitternetz zu Madauer am 8. März 2008

 

Ich möchte im Nachfolgenden Abbildungen aus meinem Arbeitsprozeß im Salon der Astronomen zeigen und zwischendurch die wirklich sehr delikat aufbereitete Geschichte um dieses Spottgedicht von Abt Madauer einflechten. Ich habe diese Darstellungsform gewählt, weil das Lesen des mehrseitigen Exzerpts aus dem Buch von Herrn Dr. Kreuz am Bildschirm vielleicht die Augen etwas ermüdet. Um aber dem Original mit seinen schönen und exquisiten Fußnoten gerecht zu werden, habe ich das Dokument am Ende auch als PDF- Datei eingefügt.


Ich habe meine diesjährigen Arbeiten im Salon am 8. März begonnen und am 30. Mai abgeschlossen. Ich habe teilweise parallel neben der Arbeit am Madauer auch am Johannes Kepler und am Peter Apian gearbeitet und habe auch wieder den Boden weitgehend neu übermalt.

 

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Links unten: Vorzeichnung des Sonnenuhrenkelchs. Oben: Vorzeichnung und teilweise Ausführung des Gedichts von Madauer mit japanischer Tusche.

 

Herr Dr. Kreuz hat mir neben den Seiten 32 bis 37 aus seiner Dissertation auch drei Kopien aus Gaspar Bruschs Werken geschenkt. Dieser aus Österreich stammende Dichter und Schriftsteller darf wohl als Vagant bezeichnet werden, den es nie lang an einer Stelle hielt. Jedoch verstand er es offensichtlich gut, daß er von allen ausgehalten wurde, etwa nach dem Gleichnis „...Sie säen nicht und ernten nicht und dennoch ernährt sie der himmlische Vater". Dieser Satz bezieht sich aber keineswegs auf seine dichterische Produktion, die man wohl als opulent bezeichnen darf.

Über diesen Gaspar Brusch ist also u. a. auch ein Gedicht in lateinischer Sprache, verfaßt von Bartholomäus Madauer auf uns gekommen.

 

                           Hodoiporikon Pfreymbdense


Herr Dr. Kreuz führt zu dem Werk HODOIPORIKON ... Nachfolgendes aus. Darus läßt sich die Verbindung zwischen Madauer und Brusch erklären:

 

"Die letzten drei Seiten des riesigen Hodoiporikon Pfreymbdense, eines von sechs noch existierenden Hodoiporika (Reisebeschreibungsgedichten) des Brusch, wovon drei zu seinen Lebzeiten bereits publiziert wurden, davon wiederum dieses als einziges als eigener Druck und wiederum mit einem Anhang anderer Gedichte, die leider nichts Madauerisches enthalten. Beschrieben ist in dem Gedicht eine Reise von Passau nach Pfreimbd an den Hof der Landgrafen von Reichenberg, dann nach Regensburg, wo die ziemlich komplizierten Motivstränge des insgesamt sehr qualitätvollen Gedichts zusammenmünden, und zurück nach Passau im Spätherbst 1553; im Zuge dieses Rückritts kam Brusch auch durch Aldersbach und machte bei Madauer Station, wie den Versen 971ff. zu entnehmen ist (Verszählung ist keine mitgedruckt, Sie können aber vom Schluß her zählen, denn das Gedicht hat genau 1000 Verse). - Erscheinungsort des Druckes ist übrigens Regensburg (Hans Kohl). Das kopierte Exemplar ist das der Bibliothek von Göttingen (Signatur: 8 P LAT REC II, 1254), die handschriftlichen Glossen und Verbesserungen stammen von Brusch selbst und sollten offenbar als Vorbereitung für eine nie erschienene Zweitauflage dienen."

 

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Das fertig ausgeführte Gedicht von Madauer, links wieder die Vorzeichnung zur Kelchsonnenuhr und rechts die Umrißzeichnung von Madauers Kopf. Die Gestaltungsidee war, den Bartholomäus Madauer quasi mit dem Modell des Copernicanischen Weltbildes mit der Sonne als Zentrum zu verweben und diese Planetenbahnen quasi durch ihn hindurchgehen zu lassen. Das Gedicht sollte sein dichterisches Schaffen belegen, aber auch seine Haltung dem Glauben gegenüber. Die Zeichnung der Kelchsonnenuhr soll ein Beleg für seine hervorragenden gnomonischen Fähigkeiten sein. Sein Abtwappen, als Ausschnitt aus einer Sonnenuhrenberechnung und Zeichnung soll dies noch bestärken.

 

Nun aber gleich zu diesem Gedicht von Bartholomäus Madauer! Ich will das Umfeld der Quelle nicht näher beschreiben - es kann in der PDF- Datei auf Seite 32-34 nachvollzogen werden. Zunächst also die Vorgeschichte und das Gedicht auf Latein bei Johannes Wolf (1537-1600):

 

Sub Wolfgango Mario Abbate Aldersbacensi, anno Christi 1541, mirabile ac
ridiculum quiddam accidit, quod obticendum non erat. Monachus enim iuvenis 16
annorum nomine Sigismundus Iustelius ex vicina Marca Bavarica Munster dicta
natus, audiens in colloquio Monastico a domino Abbate, Monachos ad castitatem
exhortante, Origenem veterem theologum sibi ipsi religionis ergo testiculos
exsecuisse, ipse etiam idem sibi facere nocte quadam non dubitavit. Expectans
ergo diem lotioni assignatum in balneis se prius eleganter lavit, postea noctu ad
aediculam corporis Dominici genua flectens precibus ibi ad Deum praemissis in
cubiculum inde reversus, reliquis dormientibus, solus vigil, animi propositum
magnanimiter aggressus est. Cumque ad eum decumbentem paulo post nobiles
ex Bavarica aula mulierculae accessissent, pudore suffusus est admodum.
Correptus etiam ab Abbate, post pauculos menses ex coenobio profugit. In eum
Dominus Bartholomaeus Abbas eiusdem monasterii tale lusit Tetrastichon:


Sigmundus variis etiam celebrabitur oris
Exsecuit proprios qui sibi testiculos.
Est aliquid regnum coelorum quaerere, sed sic
Coelorum quaeram non ego regna mihi.

 

 

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Ich dachte mir, daß es für manchen Besucher des Salons durchaus amüsant sein mag, die Übersetzung dieses Gedichts von Herrn Dr. Kreuz etwas verborgen, aber mit Blick zum Tageslicht hin ("Erleuchtung", "Erhellung" - es hat ja weiß Gott nicht ein jeglicher das große Latinum bzw. das, was davon noch rudimentär zurückgeblieben ist!) an der Querstange des Tores zu entdecken und dann mit dem lateinischen Original abzugleichen.

 

                                                                    *   *   *

 

"Zur Zeit, als Wolfgang Marius Abt von Aldersbach war, im Jahr 1541, trug sich eine kuriose und amüsante Begebenheit zu, die (hier) nicht zu verschweigen war. Ein Mönch, ein sechzehnjähriger Jüngling namens Sigismund Iustelius, gebürtig aus der benachbarten bayerischen Mark (Rotthal-)Münster, vernahm im klösterlichen Gespräch von seinem Herrn Abt, der die Mönche zur Keuschheit ermahnte, daß Origines, der antike Theologe, sich selbst um der Religion willen die Hoden abgeschnitten habe, und zögerte nicht, in einer Nacht an sich selbst desgleichen zu tun. Er wartete also den für die Körperpflege vorgesehenen Tag ab und wusch sich zunächst sorgfältig im Bad, dann beugte er nachts das Knie vor dem Tabernakel, kehrte nach einigen dort an Gott vorausgeschickten Gebeten in das Schlafgemach zurück und schritt dann, einsam wachend, während die anderen schliefen, mutig an das beabsichtigte Werk. Und als er wenig später darniederlag und vornehme Frauen vom Bayerischen Hof zu ihm kamen, errötete er ziemlich. Da auch sein Abt ihn scharf tadelte, entfloh er einige wenige Monate später aus dem Kloster. Auf ihn dichtete im Scherz Herr Bartholomäus, der Abt desselben Klosters, folgenden Vierzeiler:


Sigismund wird man, sogar in allen möglichen Gegenden, feiern,
ihn, der sich selbst die eigenen Hoden abgeschnitten.  )108
Es ist schon was, nach dem Himmelreich zu trachten -
auf solche Weise freilich möchte ich nach dem Himmelreich lieber nicht trachten."

 

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108) Die pointierte Formulierung des Epigramms, die durch den Reim im ersten Pentameter die inhaltlich gewissermaßen schmerzhaft vorschwebende Zweizahl noch extra boshaft unterstreicht, kann in der Übersetzung nicht einmal angedeutet werden. Als allgemeine Parodie auf allzu christliche Motivik wird man hingegen das reliquis dormientibus solus vigil nehmen, mit dem das Ideal des „alles schläft, einsam wacht" des allzeit wachenden Christen en passant ad absurdum geführt wird: Der junge Mönch geriert sich wie Christus in der Ölbergszene, doch seine Variante der Nachfolge Christi ist definitiv nicht die richtige.
Auf eine allgemeinere Ebene gehoben kann man darin Bruschs allenthalben geäußerte Kritik am widernatürlich geschlechtslosen und viel zu viel Zeit mit sinnentlehrten Andachtsübungen zubringenden statt sich geistiger Beschäftigung zuwendenden Mönchtum (vgl. etwa Hodoip. Pfreymbd. 73 - 106aB; ferner Bruschs handschriftlich erhaltenes In rudes ac barbaros monachos Idyllion von 1544: Horawitz, Bruschius, 85f. mit Text 232f.) in einer symbolischen Handlung kristallisiert finden: Es ist demnach schon verkehrt genug, wenn man wacht und sich kasteit, noch verrückter aber, wenn man wacht und sich kastriert, d. h. Mönch ist.

   

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In keinem seiner gedruckten Werke hat Brusch diese Anekdote untergebracht, sie findet sich, freilich in abweichender Form, einzig in der nach Wien gelangten handschriftlichen Kompilation der Materialien von seiner Bayern- und Österreichreise 1551/52,109 die Wolf zweifellos nicht zur Verfügung stand:

Accidit sub hoc Abbate (= Johannes Zanckher) mirabile ac ridiculum quiddam,
quod hoc loco obticendum non erat. Monachus iuvenis 16 annorum nomine
Sigismundus Iustelius ex Marca Bavarica Munster dicta in Rottal sita natus,
audiens in colloquio Monastico Origenem veterem theologum sibi ipsi religionis
ergo testiculos exsecuisse, idem facere sibi non dubitavit. Expectans ergo diem
lotioni assignatum in balneis sese eleganter lavit, postea noctu ad aediculam
corporis Dominici precibus ad Deum praemissis opus magnanimiter solus
aggressus est. In quem Dominus Bartholomaeus eius collega et coaetaneus tale
lusit Tetrastichon:


Sismundus variis etiam celebrabitur oris
Execuit proprios qui sibi testiculos.
Est aliquid regnum caelorum quaerere, sed sic
Caelorum quaeram non ego regna mihi.

   

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  "Es trug sich unter diesem Abt (= Johannes Zanckher) eine kuriose und amüsante Begebenheit zu, die hier nicht zu verschweigen war. Ein Mönch, ein sechzehnjähriger Jüngling namens Sigismund Iustelius, gebürtig aus der benachbarten, im Rottal gelegenen bayerischen Mark Münster, vernahm im klösterlichen Gespräch, daß Origenes, der antike Theologe, sich selbst um der Religion willen die Hoden abgeschnitten habe, und zögerte nicht, an sich selbst desgleichen zu tun. Er wartete also den für die Körperpflege vorgesehenen Tag ab und wusch sich sorgfältig im Bad, dann schritt er, nachdem er Gebete an Gott vorausgeschickt hatte, allein mutig ans Werk. Auf ihn dichtete im Scherz sein Mitbruder und Altersgenosse, Herr Bartholomäus, folgenden Vierzeiler: ..."

 

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Von stilistischen Glättungen, die auch einem posthumen Herausgeber zuzutrauen
wären, abgesehen, gibt es drei gravierende Änderungen bei Wolf: Das
Datum ist aus der Amtszeit des Abtes Johannes Zanker (1544 - 1552) in die des
Wolfgang Marius (1469 - 1544, Abt seit 1514) verlegt, gleichzeitig avanciert der
Verfasser des Spottepigramms am Schluß selbst zum Abt. Wie löst sich diese
Unstimmigkeit? Als Brusch im Jänner 1552 Aldersbach besuchte und die Anekdote
notierte, trug er sie zunächst, wohl aus Flüchtigkeit, unter dem gerade aktuellen
Abt (Joh. Zanker) statt unter dessen Vorgänger ein, wie der Wiener Codex
zeigt. Anfang Juni 1552 aber starb Zanker, sein Nachfolger wurde eben jener
Bartholomäus Madauer, der einst die Spottverse gedichtet hatte. Diesem ihm
wohlbekannten Umstand (110)  trug Brusch bei der späteren Bearbeitung der Geschichte Rechnung (daß die Bearbeitung von Brusch stammt, ist evident: Woher
hätte Wolf fast ein halbes Jahrhundert später wissen sollen, daß der Dichter des
Epigramms und der nachmalige Abt identisch waren, bzw. wozu hätte er solches
erfinden sollen?) und bemerkte spätestens dabei die chronologische Unmöglichkeit,
daß ein unter dem eher kurzlebigen Abt Zanker Sechzehnjähriger nicht coaetaneus von dessen Nachfolger sein konnte, womit die Geschichte automatisch in die Zeit des Langzeitabtes Marius rutschte. Die genaue Jahresangabe 1541 läßt freilich den Schluß zu, daß Brusch bei einem weiteren Aufenthalt in Aldersbach111 einfach noch einmal nachgefragt hat. Die dritte Änderung bedeutet eine Erweiterung der Geschichte um einen besser gerundeten Schluß, der theoretisch einem späteren Bearbeiter zugeschrieben werden könnte, ebensogut aber eine Ergänzung gleichfalls aufgrund späterer Erkundigung bei Abt Bartholomäus sein kann.(112)

 

Fazit: Die Wolf vorliegenden handschriftlichen Materialien gingen deutlich über eine alleinstehende Praefatio hinaus - die Aldersbachanekdote ist schließlich ein rechtes Detail -, und Bruschs Neubearbeitungen seines eigenen Materials waren zum Teil ziemlich gründlich.  (113)

 

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Oben
: Eine Marginalie aus einem Druckwerk von Copernicus. Unten: Detail mit dem Madauerschen Abtwappen und der Jahreszahl 1573 aus einer Sonnenuhren-Berechnung aus dem Besitz der Bayerischen Staatsbibliothek München.

 

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110)  Bruschs Gratulationsgedicht zur Abtwahl Madauers, datiert vom 29. 8. 1552, ist erhalten: Idyllia, 346 - 349; Brusch hatte die Nachricht von seiner Wahl, wie er in v. 51sq. selbst angibt, auf der Heimreise aus Österreich erhalten. Der als passionierter Schachspieler (Idyllia, 346 - 349, vv. 61sq.) und Uhrmacher bekannte Bartholomäus Madauer (vgl. Jürgen Abeler, Meister der Uhrmacherkunst. Über 14000 Uhrmacher aus dem deutschen Sprachgebiet mit Lebens- oder Wirkungsdaten und dem Verzeichnis ihrer Werke, Wuppertal 1977, 407: demnach besitzt das British Museum in London eine Becher-Sonnenuhr Madauers; auch Brusch erwähnt in besagtem Gedicht, 97sq., daß Madauer ihm eine Uhr geschenkt hatte, die er stets bei sich trage!) regierte als Abt bis 1577 und starb 1579. Das Grabgedicht für Abt Johannes Zanckher: Idyllia, 349sq. mit anschließendem Vermerk: Obiit circa Pentecosten, successit ei Bartholomaeus Madauherus. Erwähnt wird Abt Bartholomäus auch in Hodoip. Pfreymbd. 973sq.


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112)  Dafür, daß die Weiterführung von Brusch stammt, spricht, daß das Klosterwesen an sich schlecht (Was suchen Damen vom erzkatholischen Münchener Hof bei einem im Bett liegenden Mönch, und weshalb errötet dieser in solch einer Situation über seine virile Defizienz?), der zu Bruschs Zeit sicher noch in guter Erinnerung befindliche Abt Marius aber mindestens neutral (er tadelt den übereifrigen Himmelreichsstürmer) wegkommt: Ein weniger persönlich mit diversen Klöstern vertrauter Bearbeiter hätte u. U. viel gröber und undifferenzierter interpoliert.

 
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             Es ist vollbracht: Das Madauer-Ensemble ist abgeschlossen

 

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Gesamtansicht der linken Wand. Im selben Zeitraum, in dem Madauer in den Salon einzog, habe ich auch die jahrelang schwarzweiß angebrachte Nocturnal-Zeichnung von Apian entsprechend einer illuminierten Vorlage eingefärbt. Darüber befindet sich nun auch eine kleine Zeichnung - Näheres dazu erfahren Sie beim Apian- Link. Links neben dem Nocturnal-Holzschnitt habe ich noch ein farbig gefaßtes Portrait vom Peter Apian eingefügt.

 

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Ich danke Herrn Mag. Dr. Gottfried Eugen Kreuz von der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien sehr herzlich für die großzügig gewährte Genehmigung, aus seinem Buch zitieren zu dürfen:

 

Gottfried Eugen Kreuz

Gaspar Brusch, Iter Anasianum.

Ein Spazierritt durch Oberösterreich 1552

 

Wie bereits oben angekündigt, können die Seiten 32 bis 37  H I E R  in einer PDF-Datei nachgelesen werden.

 

Für alle zwischen den Bildern eingefügten Textzitate und für die angebotene PDF-Datei liegt  das Copyright © bei Mag. Dr. Gottfried Eugen Kreuz!






Ich hoffe noch die Verbindung von Bartholomäus Madauer mit dem Nürnberger Priester und großen Gnomonisten Georg Hartmann nachweisen zu können!

 

 

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