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Kleistpreis für Diana Kempff 1987


           

 


























Über dieses Foto hat Diana Kempff herzlich gelacht. Deshalb soll es auch hier eingefügt werden!







Dem Alexander Kluge dauert's bei Peter Lührs Lesung zu lange...


      Joachim Kaiser mal mit ...




... und mal ohne Brille bei der Preisverleihungsrede



     JOACHIM KAISER
 
     REDE AUF DIANA KEMPFF




Meine sehr verehrten Damen und Herren,
liebe Diana Kempff,

am Anfang der Zuneigung, auch der literarischen Zuneigung, steht die Emotions-Gewißheit. Vielleicht sollte man, sollte ich das nicht ausplau-dern, weil es so »unwissenschaftlich« klingt. Vom sogenannten Fachmann, vom Berufsleser, Berufshörer, Berufsseher möchte die Öffentlichkeit so gern glauben, daß er vernünftig und rational nach-kontrollierbar seines Amtes walte. Doch denen, die - übrigens meist irgendwie empört - wissen wollen, aufgrund welcher Kriterien, mit Hilfe welcher Maßstäbe ein Urteil, eine Faszination eigentlich zustande kam, läßt sich der Prozeß leider nur sehr vage erklären, unbefriedigend, lächerlich-verworren, mystisch fast.

Wie spielt sich das denn ab? Man begegnet einem Text, lauscht einer Vorlesung, bleibt betroffen an etwas haften. So hörte ich als Juror 1979 eine Diana Kempff-Lesung in Klagenfurt. Und dann ist es eben überhaupt nicht das kluge Konzept, das feine Niveau, das wohlkalkulierte Leitmotiv-Labyrinth oder die kulturkritische Tendenz, wodurch jene Emotions-Gewißheit entsteht, sondern etwas viel Elementareres. Ein Moment, in Sprache verdichtete Energie, läßt aufhorchen. Reine Gegenwärtigkeit stellt sich her und zugleich etwas über sie Hinausweisendes. Eine Entwicklung, deren Zwang sich wie eine Schlinge um Seele und Kehle legt und die benommen macht. Dergleichen muß nicht unbedingt von einer »schönen Stelle« verursacht werden. Obwohl wahre Schönheit - literarische und an-dere - sehr wohl diese Emotions-Gewißheit zu schaffen vermag, wenn eben eine Zeile, ein Vers, ein Moment dieses »Gepackt-Werden«, dieses Neugierig-gemacht-Werden, Affiziert-Werden zustandebringt, wofür mir hier, wie Sie spüren, meine Damen und Herren, das treffende Wort, der erledigende Begriff fehlt - falls Wort und Begriff dafür nicht überhaupt fehlen, aus gutem Grund. Übrigens: stellt diese Emotions-Gewißheit sich nicht her, dann funktionieren Lektüre, Kritik, Analyse tatsächlich ungefähr so, wie es sich der Außenstehende gewiß respektvoll, aber auch zu Tode gelangweilt, ausmalen mag: dann schaut man prüfend auf Normen, Normverletzungen, Normerfüllungen, Richtigkeiten, Korrektheiten, Ab-sichten, Techniken, Traditionen. Behandelt mithin Texte wie tote Gegen-stände.

Falls sie aber Leben enthalten sollten, hätten sie eine solche archivarische Behandlung nicht verdient – zumal, wenn sie jung, wenn sie mit dem Zauber des „Zum ersten Mal“ in die Welt hinaus treten…


Den gesamten Text der Preisrede können Sie  H I E R  aufrufen!





Der Saal applaudiert Joachim Kaiser für seine Preisrede






             DIANA KEMPFF

     NOTIZEN ZU EINER REDE

Ich bin verwirrt, verwirrt und bestürzt über ein Geschenk, das mir nicht zu­kommt, alle großen Geschenke muß man sich erst verdienen, ich werde es ver­suchen.

Lieber Joachim Kaiser, Sie haben mich über sieben Jahre aus freundlichen Augenwinkeln betrachtet und mich nicht gefällt, daß Sie mir diesen Ritterschlag versetzen, freut mich von ganzem Herzen. Ich danke Ihnen.

Ich lese jetzt die >Notizen zu einer Rede<.

Nehmen Sie an, wir befänden uns im Inneren einer Kugel, beide Hälften wären von einem bleiernen Meridian zusammengehalten genau vor unseren Augen. Kauernd bekommen wir ihn selten zu Gesicht, nur kleine Verdunke­lungen ziehen sich durch unser Gesichtsfeld, andere sprechen von farbigen Er­hellungen, die sie an gleicher Stelle bemerkt haben wollen. Wie sich das eine Rund zum anderen verhält, kann ich nicht sagen. Das bleierne Band scheint uns, den Eingeschlossenen, ebenso fiktiv wie die zu einem Ganzen zusammen­geschlossenen Hälften.

Brüche, Risse deuten auf die Fama von Farben, gelegentlich zeigen sich bei zögerndem Lichteinfall lucide Flammenbänder, die sogleich zu verschwinden dro­hen, versucht man ihre Farbe genau zu bestimmen. Blaurot wechselt mit Gelb­grün, Schwärzliches metamorphosiert zu Blutstein, Wächsernes legt sich über Schneegrau, Rauchiges über Bernstein und Amber.

Das Changieren der Chargen: Metallblau und Silber, Gold und Kupfer täu­schen nicht über ihre Ambitionen hinweg: zu verschwinden, ehe Konturen drohen.

Der Eingeschlossene beginnt sich zu fragen, ob den anderen dasselbe Schau­spiel vergönnt wird, oder ob nur ihm, dem einstigen Gaukler, der Wunschsinn den Kopf verdreht.

Auf die Erhellungen lebt er hin. Der beengte Raum sowie die geringe Bewe­gungsfähigkeit lassen nur wenige Ausfälle zu.

Er hat Finten versucht, das Balancieren zwischen Morgen und Abend, die Pausen zwischen zwei Sätzen. Der Sprung an die Wölbung der Kugel hat ihn verletzt und ihr jenen hauchdünnen Haarriß versetzt, durch den zu geraten ihm anstünde. Wo aber käme er an?

Draußen, drinnen, jenseits der Pausen zwischen zwei Worten, im Silben­gemetzel der Rasenden, die den Körper vom Kopf trennen? Den Kopf vom Körper? Da beides unvereinbar zu sein scheint.

Heinrich, Heinrich, Ihnen ist stets zu glauben, zu trauen, Ihnen, des Name besagen könnte, so reich am Tod, im Tod, kann uns nicht grauen machen.

Ich verneige mich vor Ihnen, wie seit jeher. Ach, wie die Nachtviole lieblich duftet ...

 


















                                                        


http://www.heinrich-von-kleist.org/heinrich-von-kleist/schatzkammer/  

https://secure.wikimedia.org/wikipedia/de/wiki/Kleist-Preis 

http://www.kleist.org/kleistpreis/ 

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