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Kleistpreis für Diana Kempff 1986

Die Nachricht vom 10. 10. 1986

 

Ich erfuhr die Nachricht vom Kleistpreis für Diana Kempff über eine Nachrichtensendung des NDR III und setzte mich gleich hin, um einen Glückwunsch zu formulieren:



Foto: P.U. Winkelmann

Das schien mir aber nicht genug zu sein und so holte ich eine Radierung und schrieb darunter einen weiteren Glückwunsch:


Foto: P.U. Winkelmann





Links: Die Ideenvorlage aus einem Wiener Museum, das ich einst besucht hatte.

Mitte: Die Zinkplatte mit der Radierung.

Rechts: Das zugehörige Gedicht von Diana Kempff




Die Radier-Platte auf einem Heft mit Skizzen zu dem Buch von mir

"mit gefärbten Gesichtern"





          

 


























Über dieses Foto hat Diana Kempff herzlich gelacht. Deshalb soll es auch hier eingefügt werden!







Dem Alexander Kluge dauert's bei Peter Lührs Lesung zu lange...


   Joachim Kaiser mal mit ...




... und mal ohne Brille bei der Preisverleihungsrede


JOACHIM KAISER
 
REDE AUF DIANA KEMPFF





Meine sehr verehrten Damen und Herren,
liebe Diana Kempff,

am Anfang der Zuneigung, auch der literarischen Zuneigung, steht die Emotions-Gewißheit. Vielleicht sollte man, sollte ich das nicht ausplau-dern, weil es so »unwissenschaftlich« klingt. Vom sogenannten Fachmann, vom Berufsleser, Berufshörer, Berufsseher möchte die Öffentlichkeit so gern glauben, daß er vernünftig und rational nach-kontrollierbar seines Amtes walte. Doch denen, die - übrigens meist irgendwie empört - wissen wollen, aufgrund welcher Kriterien, mit Hilfe welcher Maßstäbe ein Urteil, eine Faszination eigentlich zustande kam, läßt sich der Prozeß leider nur sehr vage erklären, unbefriedigend, lächerlich-verworren, mystisch fast.

Wie spielt sich das denn ab? Man begegnet einem Text, lauscht einer Vorlesung, bleibt betroffen an etwas haften. So hörte ich als Juror 1979 eine Diana Kempff-Lesung in Klagenfurt. Und dann ist es eben überhaupt nicht das kluge Konzept, das feine Niveau, das wohlkalkulierte Leitmotiv-Labyrinth oder die kulturkritische Tendenz, wodurch jene Emotions-Gewißheit entsteht, sondern etwas viel Elementareres. Ein Moment, in Sprache verdichtete Energie, läßt aufhorchen. Reine Gegenwärtigkeit stellt sich her und zugleich etwas über sie Hinausweisendes. Eine Entwicklung, deren Zwang sich wie eine Schlinge um Seele und Kehle legt und die benommen macht. Dergleichen muß nicht unbedingt von einer »schönen Stelle« verursacht werden. Obwohl wahre Schönheit - literarische und andere - sehr wohl diese Emotions-Gewißheit zu schaffen vermag, wenn eben eine Zeile, ein Vers, ein Moment dieses »Gepackt-Werden«, dieses Neugierig-gemacht-Werden, Affiziert-Werden zustandebringt, wofür mir hier, wie Sie spüren, meine Damen und Herren, das treffende Wort, der erledigende Begriff fehlt - falls Wort und Begriff dafür nicht überhaupt fehlen, aus gutem Grund. Übrigens: stellt diese Emotions-Gewißheit sich nicht her, dann funktionieren Lektüre, Kritik, Analyse tatsächlich ungefähr so, wie es sich der Außenstehende gewiß respektvoll, aber auch zu Tode gelangweilt, ausmalen mag: dann schaut man prüfend auf Normen, Normverletzungen, Normerfüllungen, Richtigkeiten, Korrektheiten, Absichten, Techniken, Traditionen. Behandelt mithin Texte wie tote Gegenstände.

Falls sie aber Leben enthalten sollten, hätten sie eine solche archivarische Behandlung nicht verdient – zumal, wenn sie jung, wenn sie mit dem Zauber des „Zum ersten Mal“ in die Welt hinaus treten…


Den gesamten Text der Preisrede können Sie  H I E R  aufrufen!





Der Saal applaudiert Joachim Kaiser für seine Preisrede






                DIANA KEMPFF

       NOTIZEN ZU EINER REDE

Ich bin verwirrt, verwirrt und bestürzt über ein Geschenk, das mir nicht zu­kommt, alle großen Geschenke muß man sich erst verdienen, ich werde es ver­suchen.

Lieber Joachim Kaiser, Sie haben mich über sieben Jahre aus freundlichen Augenwinkeln betrachtet und mich nicht gefällt, daß Sie mir diesen Ritterschlag versetzen, freut mich von ganzem Herzen. Ich danke Ihnen.

Ich lese jetzt die >Notizen zu einer Rede<.

Nehmen Sie an, wir befänden uns im Inneren einer Kugel, beide Hälften wären von einem bleiernen Meridian zusammengehalten genau vor unseren Augen. Kauernd bekommen wir ihn selten zu Gesicht, nur kleine Verdunke­lungen ziehen sich durch unser Gesichtsfeld, andere sprechen von farbigen Er­hellungen, die sie an gleicher Stelle bemerkt haben wollen. Wie sich das eine Rund zum anderen verhält, kann ich nicht sagen. Das bleierne Band scheint uns, den Eingeschlossenen, ebenso fiktiv wie die zu einem Ganzen zusammen­geschlossenen Hälften.

Brüche, Risse deuten auf die Fama von Farben, gelegentlich zeigen sich bei zögerndem Lichteinfall lucide Flammenbänder, die sogleich zu verschwinden dro­hen, versucht man ihre Farbe genau zu bestimmen. Blaurot wechselt mit Gelb­grün, Schwärzliches metamorphosiert zu Blutstein, Wächsernes legt sich über Schneegrau, Rauchiges über Bernstein und Amber.

Das Changieren der Chargen: Metallblau und Silber, Gold und Kupfer täu­schen nicht über ihre Ambitionen hinweg: zu verschwinden, ehe Konturen drohen.

Der Eingeschlossene beginnt sich zu fragen, ob den anderen dasselbe Schau­spiel vergönnt wird, oder ob nur ihm, dem einstigen Gaukler, der Wunschsinn den Kopf verdreht.

Auf die Erhellungen lebt er hin. Der beengte Raum sowie die geringe Bewe­gungsfähigkeit lassen nur wenige Ausfälle zu.

Er hat Finten versucht, das Balancieren zwischen Morgen und Abend, die Pausen zwischen zwei Sätzen. Der Sprung an die Wölbung der Kugel hat ihn verletzt und ihr jenen hauchdünnen Haarriß versetzt, durch den zu geraten ihm anstünde. Wo aber käme er an?

Draußen, drinnen, jenseits der Pausen zwischen zwei Worten, im Silben­gemetzel der Rasenden, die den Körper vom Kopf trennen? Den Kopf vom Körper? Da beides unvereinbar zu sein scheint.

Heinrich, Heinrich, Ihnen ist stets zu glauben, zu trauen, Ihnen, des Name besagen könnte, so reich am Tod, im Tod, kann uns nicht grauen machen.

Ich verneige mich vor Ihnen, wie seit jeher. Ach, wie die Nachtviole lieblich duftet ...

 
















                                                     

                                            



http://www.heinrich-von-kleist.org/heinrich-von-kleist/schatzkammer/
   
https://secure.wikimedia.org/wikipedia/de/wiki/Kleist-Preis

http://www.kleist.org/kleistpreis/
 
http://www.enotes.com/topic/Kleist_Prize







Meine Bücher, die ich zu Gedichten und Texten der

Diana Kempff hergestellt habe:



Tagebuch einer Eintagsfliege


http://www.ta-dip.de/meine-buecher/tagebuch-einer-eintagsfliege.html

Mit gefärbten Gesichtern

http://www.ta-dip.de/meine-buecher/mit-gefaerbten-gesichtern.html

 

Der Wind allmählichen Kommens

http://www.ta-dip.de/meine-buecher/der-wind-allmaehlichen-kommens.html


Unsere Musik

http://www.ta-dip.de/meine-buecher/unsere-musik.html


Onze Muziek

http://www.ta-dip.de/meine-buecher/onze-muziek.html


Lichter aus Blei

http://www.ta-dip.de/meine-buecher/lichter-aus-blei.html


Talismanische Schnur

http://www.ta-dip.de/meine-buecher/talismanische-schnur.html


Süßlicher raspeln die Dohlen

http://www.ta-dip.de/meine-buecher/suesslicher-raspeln-die-dohlen.html

 

... und dazu noch ein Erinnerungsbuch an Diana

Kempff, das ich für das Literatur-Archiv der

Akademie der Künste in Berlin gestaltet habe:





http://www.adk.de/de/archiv/archivbestand/literatur/index.htm?hg=literatur&we_objectID=23482





Ein Nachtrag

http://www.epochtimes.de/Anatol-Regnier-Wir-Nachgeborenen-%E2%80%93-Kinder-beruehmter-Eltern-a1194662c.html


Schicksal – Last oder Freude?

Kinder berühmter Eltern: "Die ganze Welt ist eine Bühne"

von Roland R. Ropers / Gastautor, Freitag, 7. November 2014 10:29






 

„Fettfleck“ Diana, die Tochter von Wilhelm Kempff

Im Herbst 1958 wechselte der 13-jährige Anatol vom staatlichen Max-Gymnasium in München auf die Rudolf-Steiner-Schule, wo Diana, das siebte und jüngste Kind des berühmten deutschen Pianisten Wilhelm Kempff (1895 – 1991) seine Klassenkameradin war. Diana Kempff (1945 – 2005) hatte aufgrund einer Drüsenerkrankung eine Fettleibigkeit, unter der sie sehr litt.

Wilhelm Kempff war mit seiner großen Familie 1955 nach Ammerland an den Starnberger See gezogen. Ein wunderschönes Haus auf einem traumhaften 10.000 qm großen Grundstück. Ein Künstler-Refugium par excellence. Aber auch nicht ohne Tragik. Diana, die ihr gestörtes Verhältnis zum Vater zu be- und verarbeiten versuchte, schrieb 1979 einen Roman mit dem Titel „Fettfleck“.

Regnier schreibt: „Mehr als fünfzehn Jahre vergingen, bis ich Diana wiedersah, zufällig in einem Münchner Café. Sie war noch immer füllig, das Unmäßige, Abnorme ihres Körpers war verschwunden. Ich war inzwischen verheiratet, hatte Kinder, unterrichtete Gitarre am Konservatorium und versuchte mich in der Kleinkunst-Szene. Und sie? Sie schrieb.

Dann erschien ihr Buch und schlug ein wie eine Bombe. Ohne Zweifel autobiografisch. Ein einziger, langgezogener Schmerzensschrei. Ironisch bis zur Selbstaufgabe. Bissig gegen die Familie, böse, anklagend, resigniert. Geboren auf Schloss Thurnau in Oberfranken am 11. Juni 1945, im Besitz der Familie ihrer Mutter, Hiller von Gaertringen. Für Diana waren Schloss und Umgebung offenbar Orte des Schreckens, mit Gespenstern in Fluren und Schränken, Hexen und Feen in verwunschenen Teichen und Felsenhöhlen. Einsamkeit spricht aus allen Zeilen, Verständnislosigkeit angesichts einer fremden, Angst einflößenden, nach unverständlichen Gesetzen funktionierenden Welt...

Diana hat ihr Leben lang um die Liebe ihres Vaters gebuhlt, aber war schon bei ihrer Geburt enttäuscht worden. Als im Morgengrauen des 11. Juni 1945 die Wehen begannen, sollte Wilhelm Kempff die Hebamme holen. Aber er traute sich nicht, die von den Amerikanern verhängte Ausgangssperre zu durchbrechen, befürchtete erschossen zu werden, stand, obgleich er genug Englisch konnte, unschlüssig auf der Schlosstreppe von Thurnau, bis die Mutter das Kind allein auf die Welt gebracht hatte.

Diana habe, so ihre ältere Schwester Irene, ihm diese Feigheit nie verziehen, das Verhältnis sei von Anfang an belastet und Diana schon als Kind muffig und patzig gewesen, nicht höflich und sonnig wie ihre älteren Geschwister. Der Vater habe das nicht geschätzt und sich von Diana zurückgezogen.“ Im Jahr 1986 wurde Diana Kempff mit dem „Kleist-Preis“ ausgezeichnet. Am 14. November 2005 starb sie im Alter von 60 Jahren schwerstkrank in Berlin.

Die letzten Seiten seines 330-seitigen Buches widmet Anatol Regnier dem bewegten Lebensgeschichte seines berühmten Vaters und seinem qualvollen Sterben: „Am Abend des 3. März 2001 hatte er einen zweiten, schweren Schlaganfall. Ich fuhr in die Klinik nach Bad Wiessee am Tegernsee. Er konnte nicht sprechen, war furchtbar unruhig, als ob er aufstehen und einen bösen Traum verscheuchen wolle … Der Vater lag mit offenen Augen, ohne Reaktion, der Körper wurde gewartet wie ein Gegenstand, eine Routine spielte sich ein, als ob es Normalität sei, alles drehte sich um ihn, aber er war längst nicht mehr da … Am 13. September 2001 konnte er endlich sterben...“

Von 1989 bis zu seinem Tod war Charles Regnier mit der Schauspielerin Sonja Ziemann verheiratet. Die Berlinerin hat glückliche Jahre mit ihrem dritten Ehemann verbracht und lebt wechselweise am Tegernsee und in St. Moritz.

Unser Leben vollzieht sich auf einer ständigen Theaterbühne, vor und hinter dem Vorhang – fröhlich, traurig, hoffnungsvoll, tragisch im Wechselspiel.

„Die ganze Welt ist eine Bühne, Und alle Frau’n und Männer bloße Spieler. Sie treten auf und gehen wieder ab. Sein Leben lang spielt einer manche Rollen.“ (aus: „Wie es Euch gefällt“ von William Shakespeare)







Foto: Cover C.H. Beck Verlag

Anatol Regn

Wir Nachgeborenen: Kinder berühmter Eltern

336 Seiten

C.H. Beck; Auflage: 1 (15. September 2014)

ISBN-10: 3406667929

Euro: 22,95



 

Das Los der Nachgeborenen

Münsing - In seinem neuen Buch lässt Anatol Regnier Kinder berühmter Eltern zu Wort kommen.

Ein Spross prominenter Eltern zu sein, hat sowohl Vorteile als auch Nachteile. Ist man nicht so begabt, so makellos, wie es von einem erwartet wird, tut man sich als Kind schwer. Und später, als Erwachsener, oft auch noch. Diese Erfahrung machte Anatol Regnier in den Gesprächen, die er mit „Schicksalsgenossen“ seines Alters führte. In „Wir Nachgeborenen – Kinder berühmter Eltern“ (C.H.Beck-Verlag) erzählt der Ambacher Schriftsteller, Gitarrist und Chansonsänger von Töchtern und Söhnen der Persönlichkeiten, die im Haus seiner Eltern am Starnberger See ein- und ausgingen. Unter anderem waren das Gustaf Gründgens, Erika Mann und Marianne Hoppe. Am Donnerstagabend stellte Regnier sein neues Buch in der Pizzeria Pinocchio vor.

Die Kulturgruppe des Ostuferschutzverbands hatte zur Lesung eingeladen. Der Saal war gesteckt voll. „Voraussetzung für meine Interviews war, dass die Eltern der Befragten schon tot waren“, schickte der Autor vorweg. Manche hätten verständlicherweise nicht die ganze Familiengeschichte preisgeben wollen, andere seien erstaunlich offen gewesen. Regnier selbst zählt zur zweiten Gruppe. Mit etwa sechs Jahren wurde ihm abends beim Einschlafen schlagartig bewusst, dass sein Vater Charles Regnier ein bekannter Schauspieler ist. Der Sohn versuchte aber nicht, in dessen Fußstapfen oder in die seiner Mutter Pamela Wedekind zu treten. Nachdem er das Privatgymnasium abgebrochen hatte, ging er nach London, um Gitarre zu studieren.

Im Gegensatz zu anderen von ihm Befragten wie Diana Kempff (verstorben 2005) oder Mathias Fischer-Dieskau pflegte Regnier ein unbeschwertes Verhältnis zu seinem Vater. Über seine ehemalige Klassenkameradin Diana, ein dickes Kind, schreibt er: „Sie hatte ein Talent zum Unglücklichsein.“ Bis zum Schluss habe sie sich nach Kontakt zu Wilhelm Kempff gesehnt. Der Star-Pianist aber sei unnahbar geblieben. Ähnlich sei es den Brüdern Mathias und Manuel Fischer-Dieskau mit ihrem Vater Dietrich, dem bedeutendsten deutschen Opernsänger des 20. Jahrhunderts, ergangen. „Ich kann mich nicht erinnern, je mit ihm gefrühstückt zu haben. Das tat er nicht. Das war ihm zu privat“, erzählt Mathias in Regniers Buch. Irgendwie scheint er sich jedoch mit dem Übervater ausgesöhnt zu haben. Er war bei ihm, als dieser 2012 in Berg verstarb. Eine innere Distanz zu seiner Mutter Marianne aufzubauen, gelang Benedikt Hoppe: „Meine fröhliche Grundeinstellung...schützte mich davor, mein Leben als zweitklassig zu empfinden.“

In seinem jüngsten Werk schwärmt der in Münsing und München aufgewachsene Autor wie in „Du auf Deinem höchsten Dach – Tilly Wedekind und ihre Töchter“ von seinem Heimatdorf: „Ambach ist schmerzhaft schön“. Alle Orte rund um den Starnberger See hätten so angefangen. Nur Ambach habe sich seine Ursprünglichkeit weitgehend bewahrt. Zwischen den Kapiteln spielte Regnier auf der Gitarre Volkslieder aus Wales, spanische Arrangements, ein selbst komponiertes Stück mit Gesangsbegleitung. Das Publikum – größtenteils jenseits der 70 – nickte während der Lesung oft bestätigend.

Viele kannten die Kinder, manche die Eltern, von denen der Schriftsteller berichtet. In den kurzen Gesprächen, die die Besucher mit ihm führten, während Anatol Regnier ihre Bücher signierte, wird dies deutlich. „,Wir Nachgeborenen‘ ist etwas für die Generation 50 plus“, sagte der 69-Jährige einmal in einem Interview. Er betrachte die Aufarbeitung seiner Familiengeschichte und der damit einhergehenden Kriegs- und Nachkriegszeit auch als eine Art Therapie. (tal)

 



Ein zweiter Nachtrag

 

Es ist schon sehr seltsam, daß mir dieser so vorzügliche Artikel von Christian Schultz-Gerstein erst heute, am 27. 4. 2016 in die Hände kommt! Doch es ist nie zu spät. Ich möchte ihn gern noch mit großer Dankbarkeit hier einfügen!


                                          


Reden aus Notwehr - DER SPIEGEL 32/1979 - Spiegel Online

https://de.wikipedia.org/wiki/Christian_Schultz-Gerstein

Christian Schultz-Gerstein

Christian Schultz-Gerstein (* 2. Oktober 1945 in Dahl (Hagen); † 3. März 1987 in Hamburg) war ein deutscher Journalist.

                                        


06.08.1979

Reden aus Notwehr

Diana Kempff, 34, Tochter des Pianisten Wilhelm Kempff, schrieb mit „Fettfleck“ ihren ersten Roman.

Das hätte ein tieftrauriges Buch von anklagender Tragik werden können. Denn die Hauptfigur dieses Romans mit dem zuerst komisch klingenden Titel "Fettfleck" ist ein elfjähriges Mädchen, das anderen Kindern in der Schule oder auf der Straße -- als Zielscheibe gewalttätigen Spottes dient und das von seinen auf Reputation bedachten Eltern als unzumutbare Störung empfunden wird.

 

Der äußere Grund für diesen von allen Seiten betriebenen Ausschluß aus der Allgemeinheit liegt in einer biologischen Abweichung des Mädchens, in der die anderen geradezu eine Aufforderung zur aggressiven Belustigung sehen: es ist dick, es hat die Fettsucht und heißt daher nicht wie andere Mädchen heißen, Karin oder Elisabeth, sondern -- Fettfleck.

 

"Rollmops, fettes Schwein, Rohmops, fettes Schwein, Fettfleck, Fettfleck, Fettfleck" -- so wetzen sie die hämischen Zeigefinger, bis die an den Rand der Vogelfreiheit gedrängte Hauptfigur vor den alltäglichen Nachstellungen nicht mehr weiß, wie ihr geschieht, ob sie träumt oder wacht.

 

Hätte dieses Geschichte von der Verfolgung des dicken Kindes ein Erwachsener geschrieben, er hätte vermutlich mit besorgter Sozialpädagogen -Miene das vermeintlich unglückliche Wesen literarisch beschützt vor dem bösen Bruder, der seine schuldlos fette Schwester zum Spaß im Bauch der Standuhr einschließt, oder vor der Mutter, die das unruhig schlafende Kind abends mit Hanfstricken ans Bett fesselt.

 

Und einmal mehr hätte man so erfahren, wie unsanft die Gesellschaft, namentlich die der Nachkriegszeit, in der die Handlung spielt, mit Außenseitern und Störenfrieden umspringt.

 

Doch ihre individuelle Kindheitsgeschichte in einer allgemeinen Moral verschwinden zu sehen, das mußte der 34jährigen Autorin Diana Kempff schon aus biographischen Gründen unerträglich sein.

 

Als jüngstes von sieben Kindern einer adligen Mutter und eines kulturaristokratischen Vaters, des Pianisten Wilhelm Kempff, hatte sie von klein auf die eigene Existenz abzutreten an die unabänderlichen Gesetze eines Familienlebens, in dem Kinder die Leibeigenen der Eltern sind.

 

Wenn da der Vater von seinen Konzertreisen heimkehrte, dann waren die Sprößlinge, schon ehe die Haustür aufging, von der Mutter zum freudig erregten Begrüßungs-Spalier aufgestellt worden.

 

Am sonntäglichen Frühstückstisch war Anwesenheit Kinder-Pflicht. Nur bemerkbar durften sie sich nicht machen, mehr wurde nicht erwartet, außer vielleicht noch Dankbarkeit, daß man das Kind eines Vaters war, den die musenergebene Welt als Genie verehrte.

 

Diana Kempff redet ohne Zorn und ohne Vorwurf vom Leben in diesem familiären "Hofstaat" des klavierspielenden Sonnenkönigs, in dem es "schon ein schlimmer Stilbruch" war, daß sie nicht Klavier, sondern Cello spielen wollte.

 

Für einen in so hermetischer Kultiviertheit weitaus schlimmeren Stilbruch aber sorgte die Natur, die Diana Kempff mittels einer (inzwischen überwundenen) Drüsenerkrankung zum "Fettfleck" machte, zu eben jener lästigen, weil unansehnlichen Erscheinung, in deren Bewußtsein und Gemütsleben sich Diana Kempff mit ihrem ersten Roman zurückversetzt.

 

Und da erscheint nun das Fettfleck geschimpfte Mädchen nicht als unglückseliges Sorgenkind, sondern als unnahbares Wesen von wüster Eigenmächtigkeit.

 

Die manifestiert sich zuallererst darin, daß dieses allenthalben störende und zurückgewiesene Kind sich gegen die Übermacht derer, die von ihm nichts wissen und hören und sehen wollen, dennoch behauptet, indem es seine Erlebnisse und Phantasien einfach selber aufschreibt, wenn ihm denn eben niemand zuhört.

 

Dichterin werden, das ist neben anderen Wunschberufen wie Fee oder Hexe der Zukunftstraum des Mädchens, den Diana Kempff ihm (und sich) mit diesem Buch erfüllt.

 

"Dichter sein ist vielleicht sehr schwer. Aber schön wärs ja. Da täten sie mir endlich mal zuhörn. Keiner würde sich traun zu sagen, halten Sie doch gefälligst den Mund, quatschen Sie doch nicht immer dazwischen."

 

So wird hier Schreiben zum Akt der Notwehr, durch den Diana Kempff dem Mädchen zur Unabhängigkeit von all denen verhilft, die es zum Schweigen verurteilen.

 

Und der Roman, in der Sprechsprache geschrieben, liest sich denn auch nicht wie ein Stück Literatur um weiter nichts als der Literatur willen, sondern wie eine Tathandlung zur Selbstbefreiung, geboren aus dem physischen Bedürfnis, endlich auch mal zu Wort zu kommen.

 

Dennoch gestattet Diana Kempff ihrem dicken Kind kein Maulheldentum, mit dem es sich für seine reale Ohnmacht verbal rächen dürfte. Sie läßt ihm lediglich die Redefreiheit, die es sonst nicht hat, und verzichtet im übrigen darauf, sich in die Mutmaßungen des elfjährigen Kindes, warum alles ist, wie es ist, mit erwachsener Vernunft einzumischen.

 

Die Welt, aus der Fettfleck-Perspektive gesehen, ist die erklärte Welt voller Rätsel.

 

Nicht nur, daß das Mädchen nicht begreift, warum es denn nun partout dünner werden, zur Behandlung in den Schwarzwald muß und obendrein noch den Doktor, der sagt, bei ihr sei "alles gestört". "Onkel" nennen soll.

 

Auch diese Erwachsenen zu Hause im Schloß, in dem auch Flüchtlinge aus den Ostgebieten untergebracht sind, kommen ihr irgendwie komisch vor. Die Kalb etwa, die "jeden Tag" vorhersagt, daß "in drei Tagen" die Russen einmarschieren oder gar nicht einmarschieren, sondern einfach "durch den Schornstein" fallen.

 

Und erst die Eltern: "Warum reden die immer erst, wenn ich draußen bin? Warum stör ich immer, auch wenn ich gar nicht stör?" Oder warum sagen sie, "ich sag nicht die Wahrheit, manchmal, wenn ich nix sag"?

 

Lauter Fragen, aber weit und breit niemand, der sie hört und beantwortet. Also führt Fettfleck notgedrungen Selbstgespräche.

 

Da wandert sie mal in Höhlen aus, in denen man "das Wachsen der Steine hören kann"; mal probiert sie mit Wortspielen, durch die sie die Realität verhext, aus, "wies is, wenn alles verkehrtrum is"; dann wieder steht sie auf dem Boden der Tatsachen herum und erzählt, was sie von den Erwachsenen aufgeschnappt hat: "Früher vorm Kriech wohnten wir alle drüben. Ich nich, aber wir.

 

In diesen monomanischen Selbstgesprächen äußert sich freilich nicht die wehleidige Geschwätzigkeit eines sich zurückgesetzt fühlenden Kindes, sondern Widerstand durch eine Begriffsstutzigkeit? die in "Fettfleck" gelegentlich Valentinsches Format erreicht.

 

Je älter das Mädchen wird, desto mehr häufen sich die Übergriffe, ganz anders als in ihrem Traum vom Erwachsenwerden, in dem sie "gescheit" wurde: "Damit man sich wehren kann, damit die endlich das Maul halten."

 

Jetzt, da sie vom Kindes- ins Mädchenalter hochgewachsen ist, wird sie nicht mehr von anderen Kindern zusammengeschlagen oder gezwungen zu sagen, daß sie "Senfsau" heißt.

 

Jetzt kommt es noch viel dicker: Sie soll Modell stehen für die Lebensvorstellungen ihrer Erziehungsvorgesetzen.

 

"Reizend und bezaubernd" soll sie werden, nicht eine aus dieser "verlottterten Generation" mit "Dudelei und Negersitten" und "nichts als Mickymaus und Jatz im Kopf".

 

Da hört für Fettfleck nun der Spaß und die Begriffsstutzigkeit auf, bei diesen "Man muß ein Ziel haben" -- "Erlebt erst mal einen Krieg"-Sprüchen und sie fängt an, Gegenfragen zu stellen, wo sie früher nur verständnislos mit den Achseln zuckte: "Wenn was nich geht, gehts nich".

 

Jetzt glaubt sie, wohl nicht richtig gehört zu haben, von wegen: "Werdet erst einmal alt." -- "Ja, und was dann?"

 

Auch das gehört zu den Qualitäten dieses mit schneidender Geduldigkeit geschriebenen Buches, daß Diana Kempff es bei solchen Fragen beläßt.

Von Schultz-Gerste, Christian






DER SPIEGEL 32/1979 Alle Rechte vorbehalten Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG. Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.



                 
                      


Und noch dies:

 

http://blogs.taz.de/schroederkalender/2007/01/02/augstein-und-schultz-gerstein-1/

 

http://www.spiegel.de/thema/christian_schultz_gerstein/

 

          

         Foto: Karola Kraesze

22.12.1

BÜCHER       Nichts gilt für alle

Diana Kempff: „Hinter der Grenze“. Residenz Verlag, Salzburg; 132 Seiten; 19,80 Mark.

In der durch Föhneinbruch zwielichtigen Abenddämmerung geht ein junges Mädchen, noch betäubt von einer Zahnarztspritze, in den Zoo, wo die Wärter schon mahnend auf ihre Uhren tippen.

 

Vor den Käfigen lauern die Leute den Raubtieren auf, ein feister Kerl zieht einen träge daliegenden alten Panther am Schwanz, Kinder ärgern einen Gorilla, der sie vom Gitter verscheucht, und die Erwachsenen sind voll pädagogischer Anerkennung für das Tier: "Er weiß sich Achtung zu verschaffen". Aus dem Gewühl dieser Tier- und Kinderdompteure mit ihren biederen sadistischen Gelüsten sucht das Mädchen einen Weg ins Abseits.

 

Benommen von Kopfschmerzen und Ohrensausen, stolpert sie über eine morsche Umzäunung und findet sich unversehens in einem Fabelreich, in dem Land "hinter der Grenze" wieder, in das Diana Kempff sie für die Dauer ihres neuen Buches flüchten läßt.

 

Hier sprechen die Mäuse, Eulen philosophieren, eine Treppe singt Hans-Albers-Lieder oder auf Wunsch die Internationale, und im Grundgesetz dieser zwangslosen Gesellschaft sind alle Rechte verbrieft, von denen der zivilisierte Mensch nur träumen kann: "Niemand ist verpflichtet, sich zu entwickeln" und: "Niemand darf im Schlaf gestört werden".

 

Obwohl diese tagträumerische, "Alice im Wunderland" nachempfundene Geschichte die gestrengen Forderungen nach Geschlossenheit und zielgerichtetem Handlungsablauf nicht erfüllt, ist das schmale Buch eine Rarität in der deutschen Literatur junger Autoren.

 

Und das vor allem auch deshalb, weil sich die 35jährige Diana Kempff durch den Erfolg ihres Roman-Erstlings "Fettfleck" nicht dazu hat verleiten lassen, die Erwartungen in "eine der großen Begabungen" unserer Literatur (Münchner "Abendzeitung") mit dem zweiten Buch dadurch zu erfüllen, daß sie nun in der Pose des großen Romanciers daherkommt wie viele erfolgreiche Debütanten vor ihr, die dann prompt die eigene, selbständige Sprache eingebüßt haben.

 

"Hinter der Grenze" ist eher das Resultat einer schriftstellerischen Denkpause, eine Art Lockerungsübung und Spielerei mit rituellen Meinungen, zweifellosen Worten und feststehenden Bedeutungen, die im Reich der unbegrenzten Illusionen parodiert werden.

 

Hier gelten weder Sachzwänge noch Vorschriften, hier muß das Ambramain, "die Droge der Freundlichkeit", gar nicht erst legalisiert werden, weil es in dieser Fabelgesellschaft weder Gesetzgeber noch herrschende Verhältnisse gibt, denn: "herrschende Verhältnisse sind immer die schlechtesten".

 

Die Verkörperung dieser Losung ist Lapis, das Einhorn mit der Fähigkeit, sich in "jedes lebendige Wesen zu verwandeln". Als das Mädchen wissen will, wer oder was dann aber Lapis "wirklich" sei, bekommt sie zur Antwort: "Alles in allem, keines in jedem." Und warum tarnt sich dann das Einhorn ausgerechnet als Einhorn? "Es hat Tradition."

 

Nicht mehr, aber auch nicht weniger als der Versuch, eine Realität durchzubuchstabieren, in der nichts für alle gilt und in der folglich auch die Herrschafts-Sprache der Allgemeingültigkeit nur spöttisches Unverständnis erregt, ist Diana Kempffs Buch.

 

Wenn da etwa die feministisch angehauchte Maus Moira von der "guten Sache" schwärmt, der "wir" uns verschrieben haben -- "wir, die Frauen", dann ist auch gleich ein Wesen namens Mozart zur Stelle mit der entnervten Frage: "Was heißt hier wir?"

 

Und wenn dieses Märchenbuch überhaupt eine Moral hat, dann die des weisen Magisters Janus, der zum Anarchisten gealtert ist und "mit gemeinsamer Sache nichts mehr im Sinn" hat. "Alles Gemeinnützige ist mir verdächtig", lautet die Quintessenz seiner Lebenserfahrung.

 

Versteht sich, daß die Realität dieses Zwischenreich der geselligen asozialen Elemente mit der Neutralbombe zu liquidieren versucht. Freilich ohne Erfolg, denn es war ja nur der Föhntraum eines jungen Mädchens.

 

Christian Schultz-Gerstein

 

Ein Ausschnitt aus der PDF-Version des Artikels:





                  





                                    



Ich habe mir am 5.10.2016 zwei vorzügliche Bücher von Christian Schultz-Gerstein gekauft:

DER DOPPELKOPF - Nach einem Gespräch mit Jean Améry

und

Rasende Mitäufer - Porträts, Essays  Reportagen, Glossen





Es steht da ein Satz von Jean Améry in beiden Büchern zitiert:

"Das ist ein ganz wichtiger Punkt, wie wenig der Mensch gilt in der Welt. Er ist ein Nichts."

 

Ich war am 13. Oktober 2016 wieder beim Grab von Diana Kempff im neuen Potsdamer Friedhof. Es war so offensichtlich, daß schon sehr lange niemand mehr beim Grab gewesen ist ...









 

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